Parallelwelten: Warum die Star Wars Filme enger zusammenhängen, als gedacht

Wir enthüllen die Poesie hinter George Lucas’ modernem Mythos.

Star Wars Fans, die 1999 erstmals Star Wars: Die dunkle Bedrohung zu Gesicht bekamen, erkannten augenblicklich jede Menge Ähnlichkeiten zu Star Wars: Eine neue Hoffnung. Tatsächlich gab es Kritiker, die das Werk einfach als Aufguss der Originalgeschichte schmähten. Oberflächlich betrachtet erscheint diese Kritik auch als gerechtfertigt. Schließlich drehen sich beide Filme um einen Jungen auf dem Wüstenplaneten Tatooine, der seine Heimat verlässt, um sich auf eine epische Reise zu begeben, auf der er einer schönen Adligen in Schwierigkeiten begegnet und einem Jedi-Ritter, der sein Mentor wird.

Bei genauerem Hinsehen enthüllt sich jedoch etwas weit Komplexeres und Interessanteres.

George Lucas betonte, die Ähnlichkeiten seien beabsichtigt gewesen. Und während der Dreharbeiten der Prequels hatte er denn auch häufig über seinen Einsatz von Wiederholungen in Star Wars gesprochen. „Ich erschaffe Motive“, erzählte er Entertainment Weekly im Jahr 2002, „und ich wiederhole diese Motive in verschiedenen Akkorden und Instrumentalisierungen.“ Genau wie ein Musikstück. Im Audiokommentar zu Star Wars: Die dunkle Bedrohung bemerkte Lucas: „Eines wird in den beiden Trilogien sehr, sehr deutlich: Ich unterwerfe meine Figuren ziemlich gleichen Situationen und benutze sogar bisweilen die gleichen Textzeilen, um sicherzustellen, dass Vater und Sohn größtenteils die gleichen Erfahrungen machen.“

In einer Dokumentation über die Dreharbeiten namens In the Beginning setzte er diese Wiederholungen mit der Dichtkunst gleich. „Anstatt den Todesstern zu zerstören [wie Luke], zerstört [Anakin] das Schiff, das die Roboter kontrolliert. Das ist wie Poesie. Jeder Vers reimt sich mit dem vorigen.”

Und genau da wird die Geschichte erst interessant!

Wie viele von euch bereits wissen, zeichnen sich modernere Gedichte oft durch Reime aus. Historische Dichtkunst jedoch, wie etwa die zur Zeit der Entstehung des Alten Testaments, wird durch sich wiederholende Themen charakterisiert. Dieses Stilmittel nennt man Parallelismus. Bill Arnold, Professor für Alttestamentarische Interpretation am Asbury Theological Seminary, sorgt für besseres Verständnis. „Das wichtigste Merkmal des Alten Testaments ist die Symmetrie des Denkens, die wir Parallelismus nennen. Die Dichtkunst, die man heutzutage vor allem kennt, schafft eine symmetrische klangliche Balance – üblicherweise durch Reime, Rhythmen, Takte oder eine Kombination daraus. Im Alten Testament gibt es das auch, allerdings selten. Dort begegnet uns eine Poesie, in der sich Ideen als konzeptueller Reim ausgleichen.”

Wissenschaftler haben diesen Parallelismus beschrieben als „Worte, Satzteile oder Sätze, die sich aufeinander beziehen, vergleichen, entgegenstellen oder wiederholen.“ Für das bessere Verständnis hier ein Beispiel aus dem Buch der Sprüche 10:1 (frei übersetzt):

A. Ein kluger Sohn

B. erfreut

C. den Vater,

A‘ ein dummer Sohn

B‘ bekümmert

C‘ die Mutter.

Es wird deutlich, dass A in enger Beziehung zu A’ steht, B zu B’, und C zu C’. Dieses ABC A’B’C’ Muster wird manchmal auch als „schrittweiser Parallelismus” bezeichnet und zählt zu den vielen Arten des Parallelismus, der in überlieferten Texten enthalten ist. Dieses Muster hilft nicht nur bei der Strukturierung der Beziehung von Inhalten oder Gedanken, sondern es unterstützt Botschaften (oft moralischer Natur), erweitert sie und macht es einfacher, sie sich zu merken.

Ihr habt mittlerweile sicherlich erkannt, dass die ersten sechs Star Wars Filme diesem Muster offensichtlich folgen. Genauer gesagt korrespondiert Star Wars: Die dunkle Bedrohung (A) mit Star Wars: Eine neue Hoffnung (A‘), Star Wars: Angriff der Klonkrieger (B) steht in enger Beziehung zu Star Wars: Das Imperium schlägt zurück (B‘) und Star Wars: Die Rache der Sith (C) bezieht sich auf Star Wars: Die Rückkehr der Jedi-Ritter (C‘).

Interessanterweise folgen die sechs Filme fast sicher auch einer zweiten Form des Parallelismus, und zwar der weit komplexeren Variante des „invertierten Parallelismus“. Vielleicht kennt ihr dieses Stilmittel auch unter seinem anderen Namen „Ringkomposition“. Das ist auch die Basis meines Aufsatzes Star Wars Ring Theory.

Genauso wie sich George Lucas bei der Entwicklung seines modernen Märchens bei einer Vielzahl antiker Quellen bedient hat, weist sein Einsatz gleich mehrerer Arten von Parallelismus darauf hin, dass er sich auch für die Struktur (oder Form) seiner Saga bei den Urahnen umgesehen hat. Jetzt, wo wir etwas mehr über den Parallelismus wissen, können wir uns ja die subtile Art und Weise, wie Lucas Star Wars: Die dunkle Bedrohung so angelegt hat, dass sie mit Star Wars: Eine neue Hoffnung korrespondiert, etwas näher anschauen – und zwar gleich beginnend mit den ersten Bildern!

Star Wars: Eine neue Hoffnung beginnt mit einem Blockadebrecher der Rebellen, der anscheinend eine imperiale Blockade durchbrechen konnte (daher der Name) und geheime Pläne des Todessterns transportiert. Star Wars: Die dunkle Bedrohung spiegelt das Original ganz clever mit dem Bild eines republikanischen Schiffes, das in eine Blockade fliegt. Beide Schiffe treten ins Innere größerer Schiffe ein.

TPM_republic cruiser blockade

Star Wars: Eine neue Hoffnung wird hauptsächlich aus dem Standpunkt von C-3PO und R2-D2 erzählt, eine Technik, die bereits Akira Kurosawa in Die verborgene Festung mit zwei sich streitenden Bauern eingesetzt hat. Dazu sagte Lucas im Kommentar zu Star Wars: Die dunkle Bedrohung: „[In Star Wars: Eine neue Hoffnung] folgen wir den zwei unwichtigsten Protagonisten, nämlich den Droiden. Diese Idee gefiel mir … denn die Geschichte dieser zwei bedeutungslosen Charaktere steht vor dem Hintergrund eines gigantischen intergalaktischen Dramas, in das sie hineingezogen werden und das sie nicht verstehen … [Ich erzählte] die Geschichte aus ihrem Blickwinkel und drehte die Einstellungen in gewisser Weise auch aus ihrer Perspektive.“

C-3PO und R2-D2

In Star Wars: Die dunkle Bedrohung verlegt Lucas den Blickwinkel von zwei unwichtigen Robotern hin zu zwei wichtigen Jedi, nämlich, Qui-Gon Jinn und Obi-Wan Kenobi. „In Anlehnung an Star Wars: Eine neue Hoffnung, der durch die Augen zweier Droiden erzählt wurde”, verdeutlicht Lucas, „erleben wir [Star Wars: Die dunkle Bedrohung] aus dem Blickwinkel der Jedi.”

Obi-Wan und Qui-Gon

In beiden Filmen ereignet sich in der Anfangsphase ein Angriff an Bord eines Raumschiffs. In Star Wars: Eine neue Hoffnung zielen Rebellen-Soldaten mit ihren Waffen auf eine Türe, die von Sturmtruppen aufgesprengt wird, die daraufhin in einer Rauchwolke erscheinen. In Star Wars: Die dunkle Bedrohung richten nervöse Kampfdroiden ihre Waffen in Richtung einer Tür, aus der zwei Lichtschwert-schwingende Jedi inmitten eines Nebels tödlichen Gases treten.

Nicht zuletzt haben besonders aufmerksame Zuschauer bestimmt bemerkt, dass bei beiden Filmen eine Tür aufgeschnitten wird (natürlich ein wenig abgewandelt). „Mit diesem Motiv spiele ich mit dem Klassiker des Monsters, das durch die Türe kommt“, verrät Lucas. „Jetzt stehen allerdings die Aliens, die Droiden und all die Bösewichte diesen zwei quasi unbesiegbaren Kreaturen gegenüber. Mir gefiel die Idee, die Guten unüberwindlich zu machen und die Bösen vor Furcht zittern zu lassen.“

Also hat Lucas von Beginn an sorgfältig darauf geachtet, die Filme parallel anzuordnen, indem er ähnliche Ideen unterschiedlich umsetzte. Und, meiner Meinung nach, ist es wie im Stilmittel des Parallelismus: Lucas setzte die Prequel-Trilogie als komplementäre Einheit auf, die man zusammen mit der Original-Trilogie lesen muss (um zu verstehen, was der jeweilige Teil bedeutet, aber auch um die gesamte Einheit zu verstehen).

Und all das trägt, gelinde gesagt, zu einem einzigartigen Stück filmischer Erzählkunst bei.

Ich werde mich in Zukunft noch intensiver mit diesen Ideen beschäftigen und euch weitere Parallelen aufzeigen, die auf den ersten Blick eventuell übersehen wurden. Erzählt mir doch in den Kommentaren von euren Lieblings-Parallelen zwischen den Filmen!

Der Film-Fan und Autor Mike Klimo lebt in Cincinnati, Ohio. Er ist Autor der Star Wars Ring Theory und ist auch an dem brandneuen Dokumentarfilm The Prequels Strike Back beteiligt. Für seine Fans schreibt er auf Twitter, Facebook und Google Plus.

SCHLAGWORTE: